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Quo Vadis Murnau-Stiftung – Gespräch mit Stiftungsvorstand Junkersdorf

 
(BFV-Newsletter 04/2010) Am 27. April feierte in der Deutschen Oper zu Berlin Fritz Langs "Nibelungen“ seine Wiedergeburt. Für 750.000 Euro hat die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung den Meilenstein des deutschen und internationalen Films restauriert.

Ziel der klassischen Restaurierung war, durch eine photochemische Rekonstruktion mit modernen Mitteln eine bessere Bildqualität als in der bisherigen, in den 1980er Jahren restaurierten Fassungen zu erreichen und die Musik neu einzuspielen. Die bei der Deutschen Kinemathek Berlin erhaltene Originalpartitur und der Klavierauszug dienten Frank Strobel, Leiter der Europäischen Filmphilharmonie und langjähriger künstlerischer Partner der Stiftung, für die aufwändige Neueinspielung. 40 Prozent der handschriftlichen Partitur des Filmkomponisten Gottfried Huppertz gelten als verloren. Diese Teile wurden von Strobel und Marco Jovic im Stile Huppertz neu gesetzt und arrangiert. Beide Teile des Films sind - dem Stil der Zeit entsprechend - viragiert worden. Lang entschied sich für orange, was die Tonalität mit den hervorragend ausgeleuchteten Kontrasten des Schwarzweiß-Films unterstreicht. Diese Einfärbung ist bekannt und wird daher bei der Neufassung wieder verwendet. Da kein deutsches Kopierwerk diese Technik noch anbietet, musste das Team um Restauratorin Anke Wilkening nach London ausweichen.

Die heimliche Hoffnung der Filmhistoriker und Archivare, Langs ursprüngliche Fassung des zweiten Teils wiederherzustellen, der von den Produzenten der Ufa wohl aus Längengründen gekürzt worden ist, erfüllte sich nicht. In den überlieferten Kameranegativen und Verleih-Kopien sowie erhaltenen Outtakes aus den 1920er Jahren (insgesamt 18 Materialien), die akribisch miteinander verglichen wurden, fand sich nur eine zusätzliche Szene. Der Film muss daher noch, vielleicht auch für immer, unvollständig bleiben.
Die vier Jahre währende Restaurierung des Klassikers wäre der Friedrich-Wilhelm Murnau-Stiftung ohne Partner nicht möglich gewesen. Unterstützung erhielt sie unter anderem vom Hessischen Rundfunk, dessen Sinfonie-Orchester die festliche Wiederaufführung auch begleitete, sowie ZDF/Arte. Die Murnau-Stiftung hat ihre personellen und finanziellen Mittel auf diese aufwändige Rekonstruktion konzentriert. Sie wurden zeitweise unterbrochen von der digitalen Neubearbeitung von Langs „Metropolis“ nach dem sensationellen Fund von seit Jahrzehnten als verschollen geltendem Material in Buenos Aires. Diese spektakuläre filmwissenschaftliche Annäherung an das Original wäre ohne Sponsoren, darunter 200.000 Euro vom BKM, nicht möglich gewesen. Eberhard Junkersdorf, Kuratoriums-Vorsitzender der Stiftung, hatte Kulturstaatsminister Bernd Neumann bei seinem München-Besuch, anlässlich des Fußballspiels Bayern München gegen Werder Bremen zur Unterstützung überzeugt.

Herr Junkersdorf, haben Sie schon Karten für das Pokal-Endspiel in Berlin gebucht, um Bernd Neumann für weitere Restaurierungen zu begeistern?
Daran habe ich noch nicht gedacht, es ist aber eine gute Idee.

Sind denn solch aufwändige Bearbeitungen von Klassikern ohne Unterstützung Dritter überhaupt möglich?
Bei Restaurierungen solchen Umfangs, wie wir sie für „Metropolis“ und „Die Nibelungen“ zu leisten hatten, geht die Murnau-Stiftung an ihre finanziellen und personellen Grenzen. Ohne Hilfe von außen wäre sie in der Zukunft für so umfangreiche Restaurierungs- und Digitalisierungsarbeiten nicht mehr in der Lage.

Ist das Stiftungsmodell, nach dem das Geld in die Erhaltung der Klassiker gesteckt werden kann, das vorher durch die Vermarktung ihres Filmstocks eingenommen wurde, noch zeitgemäß?
Es wird sicher schwieriger, weil die Sendeplätze im Fernsehen weniger werden und damit auch die TV-Einnahmen. Auf der anderen Seite registrieren wir weltweit wachsendes Interesse an unserem Filmstock. Frank Strobel tourt gerade mit „Metropolis“ und die Vorstellungen sind weltweit ausverkauft. Ich selbst habe vor zwei Jahren in Tokio miterlebt wie begeistert das japanische Publikum auf deutsche Stummfilme reagiert hat. Das Museum of Modern Art in New York zeigt ab November 2010 bis Januar 2011 35 Filme der Murnau-Stiftung, eine gute Möglichkeit unsere Filme dort bekannt zu machen und hoffentlich dadurch neue Einnahmequellen generieren zu können.

Aber generell ins Kino kommen die Filme nicht?
In Deutschland unterstützt uns Warner Bros. bei der Kinoauswertung von „Metropolis“. Dafür danke ich Geschäftsführer Willi Geike ausdrücklich, der den Film noch im Frühjahr wieder ins deutsche Kino bringen wird. Diese Einnahmen reichen trotzdem nicht aus, um in der Zukunft daraus weitere umfangreiche Restaurierungen vornehmen zu können. Dieser kulturellen Aufgabe, den Filmstock langfristig zu sichern und ihn so aufzubereiten, dass er vorführbar ist, wird nur durch nationale und europäische Unterstützung möglich sein.

Wenn man die Diskussionen der Branche in den vergangenen Jahren verfolgt, kann man sich aber des Eindrucks nicht verschließen, dass sich des Problems nur die Archivare bewusst sind?
Für die Archivierung der aktuellen Filme haben wir auf europäische Initiative seit einigen Jahren die vernünftige Regelung, von jedem mit öffentlichen Mitteln geförderten Film auch eine Archivkopie einzufordern. Hier gilt es darüber hinaus die zu erhalten, die außerhalb des Systems entstanden sind. Die Branche muss sich vor allem Sorgen um die Filme machen, die bislang nicht systematisch archiviert wurden. Das betrifft insbesondere das westdeutsche Filmschaffen der Nachkriegszeit bis zur Jahrtausendwende. Dieses Loch in der Erhaltung der Filme zu schließen, von denen viele einen wichtigen Bestandteil der deutschen Filmkultur darstellen, wird nicht ohne finanzielle Förderung möglich sein. Wir können und müssen die Politiker auf das Problem aufmerksam machen und sie um Unterstützung bitten.

Dem steht aber entgegen, dass der Kulturausschuss des Bundestages die Archivierung kostenneutral haben will, das heißt die Mittel nicht aufstocken will?
Dieser Beschluss bezieht sich auf die Sicherung der aktuellen Produktion, wobei man sich hier noch einig werden muss, welchen technischen Weg man gehen will, um eine Langzeitarchivierung sicher zu stellen.

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